Weber-Day – Patientengerechte Rettung

Erstellt von FHafner am Juli 31st, 2010

Die technische Unfallhilfe ist in den vergangenen Jahren immer mehr zum Einsatzschwerpunkt der Feuerwehren geworden. Doch mit dem technischen Fortschritt wachsen auch die Anforderungen an die Einsatzkräfte und deren Gerät.In einem Tagesseminar schulten Frank Hüsch und David Keinkele für die Firma Weber-Hydraulik die Einsatzkräfte der FF-Epfenbach. Samstagmorgen, 09:00 Uhr in Epfenbach. Im Gerätehaus haben sich ca. 30 Einsatzkräfte aus drei freiwilligen Feuerwehren (Epfenbach, Reihartshausen und Spechbach) getroffen. Kommandant Oliver Kohlhepp hat für diesen Tag ein Seminar zur patientengerechten Unfallrettung bei Weber-Hydraulik gebucht. Das Seminar, das sowohl einen theoretischen, als auch praktischen Teil enthält, wird von erfahrenen Fachleuten geleitet: Frank Hüsch, Einsatzleitdienst bei der BF Wiesbaden und ehemals stllv. Wehrführer der FF-Erbenheim sowie David Heinkele hauptamliche Einsatzkraft der Feuerwehr Böblingen.

SER „Verkehrsunfall“ (SER steht für Standard-Einsatz-Regel)

Im ersten Theorieteil stellt Frank Hüsch die Standart-Einsatz-Regeln (SER) vor. Ziel ist das sichere und patientengerechte Retten aus einem Kfz. Dabei gab es in der Vergangenheit die unterschiedlichsten Methoden. Während es früher nur darum ging, den Eingeklemmten mit aller Gewalt schnellstmöglich aus dem Fahrzeug zu holen, wurde in der Vergangenheit immer mehr versucht, den Patienten nahezu bewegungslos, geräuschlos und extrem schonend zu retten; das kostet allerdings wieder viel Zeit.

Inzwischen ist ein Mittelweg der beiden Techniken das Ziel. Wobei man je nach Lage auch einmal eine „Sofort-Rettung“ oder eben die sanfte Methode fahren muss. „Es gibt kein Kochrezept! Die Einsatzkraft muss ein Stück weit Künstler sein.“, macht Haag bei seinem Vortrag deutlich. Innerhalb der „Golden hour of shock“ bleiben fast nur 20 Minuten für die reine technisch-medizinische Rettung– das ist die grobe Zeitvorgabe, bis wann eine eingeklemmte Person gerettet sein sollte.

Dabei gilt es aber zu beachten, dass die Feuerwehr bei einem Verkehrsunfall dem Rettungsdienst die Zugangsmöglichkeiten, Versorgung und die Befreiung ermöglicht. Letztlich ist die Absprache mit Notarzt und Sanitätern vor Ort wichtig, da die Art der Rettung wesentlich vom Gesundheitszustand des Patienten abhängt.

Auch mit dem Vorurteil, dass eine Feuerwehr ohne hydraulischen Rettungssatz bei einem Verkehrsunfall überflüssig ist, räumt Haag auf. Noch vor der eigentlichen Rettung sind Fahrzeugaufstellung, Verkehrsabsicherung, Ordnung der Einsatzstelle, Erste-Hilfe, Fahrzeugstabilisierung, Brandschutz, Glas- und Batteriemanagement (gegebenenfalls noch Ausleuchtung) elementare Bestandteile eines Rettungseinsatzes bei einem Verkehrsunfall – ganz ohne Hydraulik.

Moderne Fahrzeugtechnik

Doch irgendwann wird bei eingeklemmten Personen das hydraulische Rettungsgerät benötigt. Spätestens dann ist das Fahrzeug, in dem die Person eingeklemmt ist, ein wichtiger Faktor. Doch die Fahrzeuge werden immer moderner. Was das für die Rettungskräfte bedeutet, verdeutlicht Frank Hüsch in seinem Vortrag.

Techniken wie Bremsassistenten, ESP, ABS, Airbags etc. sind inzwischen schon Standart in Neuwagen geworden. Schwere Verkehrsunfälle werden durch diese jedoch nicht vermieden – dafür die Schwere (und damit die Folgen) minimiert. Während es zu Beginn des Fahrzeugbaus noch das Ziel der Autohersteller war, die Fahrzeuginsassen durch möglichst wenig Verformung beim Aufprall zu schützen, sind inzwischen sogar Sollbruchstellen und Knautschzonen in die Karosserie integriert.

So werden bei einem Unfall bewusst Knautschzonen gebildet, die die Aufprallenergie abfangen. Außerdem werden Motor, Reifen etc. bewusst bewegt, um ein unkontrolliertes Eindringen in die Fahrgastzelle zu verhindern. Damit gewinnt das Auto meist selbst nach relativ harmlosen Unfällen keinen Schönheitspreis mehr, dafür bleibt jedoch die Fahrgastzelle sehr immun gegen Unfälle.

Ein Problem stellt jedoch noch der Seitenaufprall da. Hier gibt es in der Regel nur rund 30 cm, die die Außenhaut vom Fahrgast trennen – kein Platz für Knautschzonen. Also wird hier auf Stabilität gesetzt. „Ultra hochfester Stahl“ nennt sich der Stoff, mit dem die Türstreben und Säulen verstärkt sind. Bereits der Name macht deutlich, dass spätestens hier die Geräte der Feuerwehr an ihre Grenzen kommen.

Deshalb gilt es in solchen Fällen alternative Ideen bereit zu halten. Wenn die B-Säule sich nicht schneiden lässt, muss man es mit reißen oder gegebenenfalls über das Heck, die Hintertür, die Frontscheibe oder gar den Boden versuchen – je nach Lage.

Dabei sollte natürlich die Ideologie, dass eine Person geräuschlos, erschütterungs- und schmerzfrei zu befreien ist, zur Vergangenheit gehören. „Man sollte es auf ein mögliches Minimum reduzieren, jedoch nicht auf Kosten der Rettungszeit“, fasst Hüsch zusammen.

Viel wichtiger ist es also, dass die Geräte bewusst und richtig bedient werden. Der Höchstdruck der hydraulischen Rettungsgeräte ist erst nach 6 bis 8 Sekunden vollständig aufgebaut. Wer also bewusst an das Rettungsgerät herangeht, kann viel erreichen. An dieser Stelle hat Hüsch doch noch ein kleines „Kochrezept“: 100 % Einsatzerfolg besteht zu 50 % aus leistungsfähigen Rettungsgeräten und zur 50 % aus kompetenten und kreativen Geräteführern.

Praxisteil

Dargestellt werden drei Lagen: PKW auf Dach, PKW auf Seite und PKW auf Rädern. Jede Lage stellt eine Station dar, an der jeweils ein Ausbilder den Teams erklärt, hilft oder demonstriert. Dabei geht es jedoch bei Weitem nicht nur um das Schneiden und Spreizen am Auto. Auch Erkundung, Sicherung, Patientenrettung, Stabilisierung, Batterie und Glasmanagement werden mit verschiedenen Möglichkeiten besprochen und geübt.

Dabei zeigen die Teilnehmer bereits, was sie gelernt hatten. Mit viel Kreativität schaffen sie die verschiedensten Zugangs- und Rettungsmöglichkeiten an den Fahrzeugen. Ziel ist es schließlich bei einem Verkehrsunfall einen möglichst großen Pool an Möglichkeiten zu haben, auf den man zurückgreifen kann, wenn die erst Variante nicht machbar ist.

Zum Abschluss werden alle Stationen gemeinsam betrachtet und besprochen. Dabei wird deutlich, dass die technische Unfallrettung ein weit reichendes Thema ist, das kontinuierlich intensiv geschult werden muss. Aber auch dem Kommandanten Oliver Kohlhepp, hat das Seminar viel gebracht. „Wir haben nicht nur viele neue Techniken gelernt und unsere Kenntnisse vertieft, wir wurden auch auf Sachen aufmerksam gemacht, die uns so nicht bewusst waren.“

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